Ein zweites Standbein aufbauen – eine ehrliche Bestandsaufnahme

Warum ich ein zweites Standbein aufgebaut habe — und was daran unbequem ist

Thomas Mül13r

veröffentlicht am 22. Juli 2026
Ich habe vor einiger Zeit angefangen, ein zweites Standbein aufzubauen. Kein großes Ding, kein Start-up, keine Kündigung mit Paukenschlag. Eher etwas, das neben dem eigentlichen Job wächst, langsam und oft mühsam.

Was mich überrascht hat, ist nicht, wie schwer die Arbeit selbst ist. Sondern wie unbequem das Drumherum sein kann. Über diesen Teil wird selten geredet, und wenn, dann geschönt. Deshalb hier eine ehrliche Bestandsaufnahme — kein Erfolgsbericht.

Vorweg, weil es zur Ehrlichkeit gehört: Dieses Standbein liegt bei mir im Empfehlungs- und Vertriebsbereich. Ich verdiene also mit, wenn es funktioniert. Genau deshalb versuche ich hier nicht, es dir schmackhaft zu machen, sondern ehrlich zu zeigen, was daran unangenehm ist.

Warum überhaupt ein zweites Standbein

Der Auslöser war kein Traum vom großen Geld. Es war ein nüchterner Gedanke: Sich mit allem auf ein einziges Einkommen zu verlassen, ist ein Klumpenrisiko. Ein Arbeitsplatz, eine Quelle, ein Schalter, den andere umlegen können.

Solange alles läuft, fällt das nicht auf. Aber sobald mehr von einem abhängt — und bei mir kommt gerade ein Kind dazu — wird aus dem abstrakten Risiko ein sehr konkretes Unbehagen. Ein zweites Standbein aufzubauen war für mich weniger Ehrgeiz als der Wunsch, nicht komplett von einer einzigen Sache abhängig zu sein.

Das ist eine unspektakuläre Motivation. Sie verkauft sich schlecht. Sie hält nur länger als die Aussicht auf schnellen Reichtum.

Das Unbequemste: was andere denken

Der härteste Teil war nicht die Arbeit. Es waren die Blicke. Sobald etwas nach „nebenbei noch was aufbauen“ klingt, kommt bei vielen sofort eine Schublade auf: Will der mir jetzt was verkaufen? Ist das so eine Sache?

Ich verstehe das. Der Bereich hat sich diesen Ruf zu einem guten Teil selbst eingebrockt — mit Übertreibung, mit Druck, mit Menschen, die Freundschaften in Verkaufslisten verwandelt haben. Diese Skepsis ist berechtigt, und ich trage sie mit.

Das Unbequeme ist, dass man dann zwei Möglichkeiten hat: sich verstecken oder offen damit umgehen. Verstecken fühlt sich richtig an, ist aber unehrlich. Also rede ich lieber offen darüber — auch auf die Gefahr hin, in die falsche Schublade zu wandern.

Das Zweitunbequemste: es dauert und es ist leise

Die zweite Enttäuschung ist der Rhythmus. Ein zweites Standbein wächst nicht in Wochen. Am Anfang steckst du viel hinein und siehst fast nichts. Kein Applaus, kein schneller Beweis, dass es sich lohnt.

Und du machst es nach einem vollen Tag. Wenn andere Feierabend haben, fängst du an. Das kostet genau die Energie, die abends ohnehin knapp ist. Es gibt Abende, an denen ich mich frage, ob das klug ist.

Was hilft, ist die Erkenntnis, dass genau diese Zähigkeit dazugehört. Alles, was schnell und leicht geht, ist meistens schon besetzt. Der langsame, unbequeme Aufbau ist kein Zeichen, dass man es falsch macht. Er ist der Normalfall.

Was ich nicht behaupte

Damit das hier keine getarnte Werbung wird, ein paar klare Grenzen. Ich behaupte nicht, dass ein zweites Standbein für jeden das Richtige ist. Ich behaupte nicht, dass es leicht ist. Und ich behaupte schon gar nicht, dass es ein Weg zu schnellem Geld sei.

Für manche Menschen ist die bessere Antwort, im Hauptberuf mehr zu verhandeln, oder schlicht: weniger zu brauchen. Ein zweites Standbein ist eine Möglichkeit, keine Pflicht — und eine, die zusätzlich Zeit frisst, die man an anderer Stelle hat.

Warum ich mich am Ende trotzdem dafür entschieden habe, statt weiter zu warten, hat mehr mit Haltung als mit Zahlen zu tun — darüber habe ich hier geschrieben.

Was sich trotz allem verändert hat

Bei aller Ehrlichkeit über die unbequemen Seiten: Es hat sich auch etwas verschoben, das ich nicht mehr missen möchte. Nicht auf dem Konto — das braucht seine Zeit — sondern im Kopf.

Zu wissen, dass ich an etwas Eigenem arbeite, das nicht komplett von der Laune eines Arbeitgebers abhängt, verändert das Gefühl gegenüber dem Hauptjob. Er wird nicht schlechter, aber weniger alternativlos. Diese kleine innere Distanz ist wertvoller, als ich gedacht hätte.

Es ist nicht die Freiheit aus den Hochglanz-Versprechen. Es ist etwas Kleineres und Realistischeres: ein Stück weniger Abhängigkeit. Und das reicht als Grund.

Woran ich merke, ob es sich lohnt

Nach einiger Zeit habe ich aufgehört, den Erfolg an Zahlen zu messen, die am Anfang ohnehin klein sind. Stattdessen an einer ehrlicheren Frage: Würde ich es auch tun, wenn niemand zusieht und es langsam bleibt?

Wenn ja, ist es das Richtige — dann trägt das Motiv. Wenn die Antwort nur aus der Aussicht auf schnellen Gewinn kommt, ist es ein schlechtes Fundament, das beim ersten zähen Monat wegbricht.

Das ist kein besonders motivierender Maßstab. Aber er ist ehrlicher als jede Umsatzzahl — und er hat mich vor ein paar überzogenen Erwartungen bewahrt, die ich mir selbst eingeredet hatte.

Ehrlich bleiben, gerade weil ich profitiere

Das Unbequeme an diesem ganzen Thema ist, dass ich befangen bin. Ich verdiene mit, wenn jemand ähnliche Schritte geht wie ich. Das ist ein Grund, besonders vorsichtig zu formulieren — nicht, es zu verschweigen.

Also ohne Verkaufsmasche: Wenn du über ein zweites Standbein nachdenkst, prüfe zuerst das Warum, nicht das Wie viel. Ein gutes Motiv trägt durch die zähen Monate. Ein schlechtes — schnelles Geld — hält keine drei Wochen.

Wie mein Weg konkret aussieht, kannst du unter Mein Weg nachlesen, wenn dich das interessiert. Ohne Druck.

Und wenn dir dieser offene Ton lieber ist als das nächste Erfolgsversprechen: Im Wochenimpuls schreibe ich einmal pro Woche ehrlich weiter — kein Verkauf, jederzeit abbestellbar.

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